„Wir haben bisher Nichts“, sagte der eine. „Wir holen die Schale nach Berlin“, sagt der andere. Bei der Hertha sind Widersprüche im Meisterschaftskampf Realität. Während die Spieler öffentlich über den Titel sprechen, warnt der Trainer vor der Auswärtspartie in Köln vor allzu großer Euphorie.
„Wenn die Hertha weiter so effizient spielt, hat sie alle Chancen“, bescheinigte Bochums Trainer Marcel Koller nach der 0:2-Niederlage am vergangenen Samstag im Berliner Olympiastadion der Hertha große Titelchancen. Deutlicher wird Innenverteidiger Joe Simunic, ein Garant für den Erfolg der Berliner in dieser Saison: „Wir wollen Deutscher Meister werden.“ Bereits nach dem 1:0-Heimsieg gegen Leverkusen am 14. März „versprach“ der Kroate per Megafon den Fans in der Ostkurve die Meisterschaft und reckte eine aus Pappe imitierte Schale in den Abendhimmel. Und Stürmer Andrej Woronin legt nach. „Wenn wir die restlichen drei Spiele gewinnen, dann sind wir zu 99 Prozent Deutscher Meister.“
Selbst Manager Hoeneß, der ja eigentlich nicht vom Titel reden will, hat sich mittlerweile mit dem „Titelvirus“ infiziert: „Wenn du dreimal gewinnst, bist du durch.“ Wer Hoeneß kennt, der weiß, wie sehr er den Titel nach 13 Jahren Amtszeit herbei sehnt. Auch wenn er schnell noch hinzu fügt: „Wenn du nur träumst, kannst du dich nicht hundertprozentig auf die nächste Aufgabe konzentrieren.“
Nur einer tritt seit Wochen kontinuierlich und vehement auf die Euphoriebremse. Bereits während der dreiwöchigen Tabellenführung mahnte Trainer Lucien Favre zur Vorsicht und wiederholte gebetsmühlenartig, dass man „noch nichts erreicht hätte.“ Auch gegenüber eurosport.yahoo.de sagte der Schweizer Anfang April: „Ich muss als Trainer realistisch sein und darf nicht träumen. Die Spieler und unsere Fans dürfen träumen und an die Meisterschaft denken.“ Geändert hat der 51-Jährige seine Ansichten bis heute nicht. Zumindest lässt er sich heute aber entlocken, dass „alles möglich ist.“ Kennt man Favre, so ist klar, dass dies bereits eine sensationelle Aussage ist. Und so beeilt er sich, das Ganze dann schnell doch noch zu relativieren: „Unser Ziel bleibt es, um einen UEFA Cup-Platz zu kämpfen.“
Favre ist als akribischer Arbeiter bekannt, ist zudem ein Trainer, der immer wieder das berühmte Ass aus dem Ärmel zaubert. Wie zuletzt, als er den gelernten Stürmer Lukasz Piszczek zum rechten Verteidiger umfunktionierte – mit Erfolg. Im Kampf um die Meisterschaft können solche Einfälle entscheidend sein. Zumal er von Beginn an auf flexibel einsetzbare Akteure setzte – polyvalente Akteure, wie er immer sagt. Wohl auch in Köln wird der Pole auf der für ihn ungewohnten Position zum Einsatz kommen.
Mit dem zuletzt gelb gesperrten Gojko Kacar und den lange Zeit verletzten Kapitän Arne Friedrich stehen Favre zwei zusätzliche Alternativen am 32. Spieltag zur Verfügung, wenn die Hertha heute beim 1. FC Köln an (ab 20:00 Uhr im Live-Ticker bei eurosport.yahoo.de), der sich erst unlängst aller Abstiegssorgen entledigte, antritt. Im Sturm werden wie gegen Bochum erneut Woronin und Pantelic auflaufen. Der Serbe bekam zwar gegen Bochum zwanzig Minuten vor Spielende einen Pferdekuss gegeben den Oberschenkel, sein Einsatz ist aber laut Favre nicht gefährdet.
Bei den Kölnern fehlen die gelb gesperrten Milivoje Novakovic und Kevin Pezzoni. Youseff Mohamad sitzt seine Rote Karte gegen Schalke 04 ab. Zudem muss Trainer Christoph Daum auf Stammtorhüter Faryd Mondragon (Schulterverletzung) verzichten, für ihn steht Thomas Kessler im Kasten.
Drei der letzten vier Spiele gegen die Domstädter konnten die Berliner gewinnen. Gute Voraussetzungen für das erste Finale im dreiteiligen Titelkampf.